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“Abnehmspritzen“ (GLP-1-Agonisten wie Ozempic) zur Schmerztherapie? Durchaus möglich!

  • Friedrich Erhart
  • vor 11 Minuten
  • 3 Min. Lesezeit

„Abnehmspritzen“ sind sehr effektiv gegen Diabetes oder Übergewicht. Dass sie auch als Teil eines umfassenden Schmerzkonzeptes sinnvoll sein können wird hier beleuchtet.



GLP-1-Agonisten haben die metabolische Medizin revolutioniert


Wenn der Magen-Darm-Trakt registriert, dass gerade Nahrung aufgenommen wurde und er „voll“ ist, dann wird dies dem ganzen restlichen Körper mit speziellen Botenstoffen signalisiert. Einer dieser Botenstoffe ist das GLP-1 (Glukagon-like Peptide-1). Im Gehirn wird damit das subjektive Hungergefühlt reduziert, man fühlt sich satt. Insulin wird ausgeschüttet ins Blut um den aufgenommenen Zucker zur weiteren Verarbeitung und Nutzung in die jeweiligen Körperzellen zu bringen. Die Magenentleerung wird verlangsamt. Substanzen wie Ozempic (Semaglutide) und das neuere Mounjaro (Tirzepatide) ahmen diese Wirkung molekular nach („Agonisten“). Man hat damit weniger Hunger, nimmt leichter ab und Diabetes-Erkrankungen können besser werden. Aufgrund der sehr effektiven Wirksamkeit dieser Stoffe hat sich eine echte Revolution eingestellt in der metabolischen Medizin, also der Behandlung von Stoffwechsel-Erkrankungen. Auch gefährliche Folgen schlechter Metabolik wie Herzinfarkte und Schlaganfälle können damit deutlich eingeschränkt werden.


GLP-1-Agonisten können auch antientzündlich sein


Übergewicht geht zudem oft mit entzündlichen, inflammatorischen Zuständen einher und auch hier scheinen GLP-1-Agonisten günstige Effekte haben. Dies betrifft nicht nur die chronische systemische Entzündung die bei Übergewicht vorliegt sondern auch Entzündungen im Rahmen von Begleiterkrankungen des Übergewichts – wie der Arthrose. Dabei kommt es zur oft gewichtsbedingten Abnützung von Gelenksknorpel und in Folge dessen zu Reizung und Schmerz – z.B. in den Knien. Tatsächlich haben Knorpelzellen auch GLP-1-Rezeptoren und somit können GLP-1-Agonisten auch auf diese Zellen wirken – was in (präklinischen) Untersuchungen zur Reduktion von Arthrose-Beschwerden führte.


GLP-1-Agonisten wirken direkt auf neuronale Schmerz-Schaltkreise


Besonders interessant ist aber, dass GLP-1-Agonisten offensichtlich auch zentrale Effekt haben, also direkt das Gehirn beeinflussen. Zum Einen ist bekannt, dass die Wahrnehmung des subjektiven Hungergefühls im Gehirn reduziert wird, indem GLP-1-Agonisten auf Schaltkreise im Hypothalamus wirken, einem Zentrum das übergeordnet viele grundlegende Körperzustände steuert. Zum Anderen wirken GLP-1-Agonisten auch auf die Belohnungszentren des Gehirns, z.B. das mesolimbische Dopamin-System. Dadurch wirkt das Verlangen nach besonders „belohnender“ Nahrung wie z.B. ungesunden Süßspeisen reduziert. Gleichzeitig fand sich dann in Studien überraschenderweise aber, dass auch das Verlangen nach anderen „belohnenden“ Substanzen wie z.B. Nikotin verringert werden kann – wohl über dieselben Wege. Somit ist gut etabliert, dass GLP-1-Agonisten einen positiven Einfluss auf Gehirn und Nervensystem haben können.


Und dies scheint auch für Schmerzerkrankungen wie die Migräne zu gelten. So zeigte sich in einer (präklinischen) Studie dass GLP-1-Agonisten die überschießende Aktivität von speziellen Immunzellen des Gehirns (der Mikroglia) reduzieren können – noch dazu im „trigeminozervikalen Komplex“, einem Kerngebiet das für Migräne sehr entscheidend ist.


Ähnliches gilt auch für die Fibromyalgie, einer chronischen Schmerzerkrankung bei der Schmerzsignale im Körper „zu laut eingestellt sind“ und der Schmerz im Nervensystem richtiggehend eingebrannt ist. Hier zeigte eine aktuelle Studie der renommierten Mayo-Klinik in den USA, dass bei Patienten die GLP-1-Agonisten bekamen über die Jahre deutlich weniger Schmerzen und weniger Fatigue registrierte wurden und sogar ein reduzierter Gebrauch von Opioiden.


Manche Schmerzmediziner sprechen bereits davon, dass GLP-1-Agonisten ein „game changer“ in der Schmerzbehandlung sind. Direkt zugelassen als Schmerzmittel sind GLP-1-Agonisten aber nicht. Dies ist jedoch nur eine kleine Hürde, denn oft haben chronische Schmerzpatienten ohnehin zusätzlich andere Krankheiten, für die die GLP-1-Agonisten ausgezeichnet passen und offiziell zugelassen sind.




Zusammengefasst kann es sehr sinnvoll sein, in einem Schmerz-Gesamtkonzept auch GLP1-Agonisten einzusetzen – speziell wenn sie aufgrund der oft vorliegenden begleitenden Erkrankungen (Übergewicht plus Erhöhung der Blutfette, Bluthochdruck, Arthrose, etc.) ohnehin indiziert sind. Dann werden mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Stoffwechsel und metabolische Krankheiten werden besser – und gleichzeitig auch der Schmerz.


Wer die Arbeiten im Detail lesen will findet hier die Studie zur Fibromyalgie und hier eine Überblicksarbeit.



Autor: Doz. Dr. Friedrich Erhart, Schmerzmediziner Vidiert: Dr. Lukas Erhart, Gastroenterologe


 
 
 

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