Warum gute Schmerzmedizin immer biopsychosozial denkt
- Friedrich Erhart
- Apr 20
- 2 min read
Schmerz ist nicht nur ein körperliches, also biologisches Phänomen, sondern geht weit darüber hinaus. Auch psychische und soziale Faktoren sind ganz entscheidend für Schmerzentstehung und Schmerzverarbeitung. Die Hintergründe werden hier beleuchtet.

Soziale Zurückweisung ist schmerzhaft im engeren Sinne
Aus eigener Erfahrung kennen die meisten Menschen, dass es unangenehm ist, wenn man eine Form der sozialen Zurückweisung erlebt. Fast jeder kennt dieses Gefühl - beispielsweise aus dem Liebesleben oder aus dem Berufsleben. Eine ganz grundlegende Studie einer Gruppe der University of California Los Angeles versuchte schon 2003 dieses Phänomen näher zu beleuchten - mit der Hypothese dass soziale Zurückweisung "echtem" Schmerz entspricht, wie wenn man sich in den Finger schneidet. Der Versuchsaufbau war eine MRT-Maschine zur Darstellung der Aktivität verschiedener Gehirnareale während die Probanden ein virtuelles Computerspiel spielten. Schlussendlich wurden die Teilnehmer ohne Vorwarnung aus dem Spiel ausgeschlossen, somit plötzlich sozial exkludiert. Und interessanterweise begannen genau dann die Gehirnareale aufzuleuchten, die man auch von klassischem Schmerz kennt - allen voran der "Anterior Cingulate Cortex" (ACC). Der ACC ist eine Gehirnstuktur vorne um den sogenannten "Balken" des Gehirns gewunden, die ganz typisch mit Schmerz assoziiert ist. Dass nun genau diese Struktur bei sozialem "Schmerz" aufleuchtet ist ein ganz starkes Signal, dass soziale Umstände Schmerz nicht nur beeinflussen, sondern auch direkt auslösen können.
Soziale Unterstützung kann Schmerzen messbar lindern - getragen durch psychologische Effekte
Eine ganz aktuelle Studie aus China beleuchtete dann, wie sehr soziale Unterstützung Schmerzen lindern kann und ob psychologische Faktoren dabei eine Rolle spielen bzw. die Linderung bedingen. Dafür wurden aufwändige statistische Methoden auf einen Datensatz von 363 älteren Erwachsenen mit chronischen Schmerzen angewandt, die verschiedene Fragebögen ausgefüllt hatten. Soziale Unterstützung konnte dabei ganz klar die chronischen Schmerzen reduzieren. Und ein wichtiger Treiber war der "positive Affekt", den die soziale Unterstützung mit sich brachte - also ein klarer psychologischer Faktor.
Zusammenfassend zeigen diese neurobiologischen und statistischen Untersuchungen, wie wichtig soziale und psychische Faktoren für das Schmerzerleben sind. Sie stehen stellvertretend für viele weitere solche wissenschaftlichen Arbeiten. Daher denkt auch die moderne Schmerzmedizin biopsychosozial. Und das Team von schmerzmedizin.at legt großen Wert darauf, soziale und psychische Faktoren zu beachten.
Wenn Sie die Studie zur sozialen Exklusion gerne im Detail lesen wollen finden Sie hier den Link dazu. Und die Studie zum positiven Affekt als Träger der Schmerzbesserung finden Sie hier.
Autor: Doz. Dr. Friedrich Erhart, Schmerzmediziner



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